Die Lüchenbank …

Kommunikation „auf Augenhöhe“ ist eine der Grundlagen einer funktionierenden sozialen Gemeinschaft. 

Lasst mich solche Dinge wie social media außer acht lassen, davon verstehe ich nichts. Vielleicht würde ich es begreifen, will mich aber auch nicht näher damit befassen.

Werfen wir einen Blick zurück, denn „früher war auch nicht alles schlecht“.

Ein gutes Beispiel ist die Lüchenbank, die früher in jedem Dorf de facto der soziale Mittelpunkt war.

Die Menschen, die noch nicht so lange hier oder überhaupt leben, brauchen wahrscheinlich zu diesem Thema Nachhilfe.

In meiner Kindheit und Jugend, gab es in diesem unseren Land noch funktionierende soziale Strukturen.

In einem Dorf lebten Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, meist von der Großmutter bis zum Enkel unter einem Dach. Zuweilen war auch der Urenkel schon dabei, speziell dann, wenn die Alte eine besonders zähe Gesundheit hatte. Dann wurde es eng, weil die Zahl der Zimmer im Haus in der Regel begrenzt war.

Nicht mehr erlebt habe ich die Zeit, als die dörflichen Familien mit dem Vieh unter einem Dach lebten. Dem Vieh blieb dann Raum im Erdgeschoß, die Familie lebte und schlief darüber. Einerseits konnte man die Tiere besser beaufsichtigen und gleichzeitig heizten sie durch ihre Körperwärme die Wohnräume.  

Der Geruch soll nicht das größte Problem gewesen sein, nach der Überlieferung hätten sich Mensch und Vieh diesbezüglich so viel nicht genommen. 

Kommunikation fand am Familientisch statt, erweitert im Rahmen der seltenen Familienfeiern, an Feiertagen, beim Kirchgang, zur Kirmes und auf der Lüchenbank.

In jedem Dorf soll es diese besagte Lügenbank gegeben haben.

In unserem Dorf stand die Bank unmittelbar neben der Milchbank und in Nähe der Bushaltestelle, dem einzigen Zugang zur richtigen Welt. Früh und abends fuhr jeweils ein Bus, mittags hielt dort der Schulbus.

In Sichtweite waren die zweizügige Grundschule, einer der beiden Einkaufsläden im Dorf und wenn man den Kopf wendete war der Eingang zur Kirche einzusehen.

In unserem Dorf gab es in den 50er Jahren mehrere Geschäfte: ein Kolonialwarengeschäft, einen Konsum, einen Fleischer, der selbst schlachtete, einen Schuster, einen Friseur, den Bäcker mussten wir uns mit dem Nachbarort teilen. Das Dorf hatte damals wie heute ca. 700 Einwohner.

Die Lüchenbank war ca. 150 breit, ein Metallgestell mit Brettern verkleidet, bequem muss sie gewesen sein, denn saßen die alten Frauen einmal dort, dann sassen sie, stundenlang. Die Stammbesetzung waren drei alte Damen, fehlte eine, was selten vorkam, blieb ein Platz frei. Das sich eine Fremde dazu setzte kam praktisch nicht vor. 

Die Alten kannten und wussten alles was im Dorf passierte, besprachen und bewerteten es, sie mischten sich ein, wo es ging, man hörte auf sie – mehr oder weniger. Auf jeden Fall hatten alle Respekt vor der Lüchenbank. Niemand mochte bei den Alten negativ auffallen, in der Regel war man dann im Dorf unten durch.

Ihre soziale Wertigkeit war höher als die des Bürgermeisters und lag nur knapp hinter der des evangelischen Pfarrers, der vor den Feiertagen mit einem Henkelkorb seinen Gemeindegliedern Besuche abzustatten pflegte. Diese erpresserische Verfahrensweise zumindest hat man bei den 3 Alten der Lüchenbank nie gehört.

Unter den drei alten Frauen fand Kommunikation auf Augenhöhe statt, hatten sie sich Delinquenten bestellt, hatten diese vor ihnen zu stehen und ihnen zuzuhören. Widerspruch war nicht erwünscht.

Ob auf der Bank wirklich so viel gelogen wurde, wie der Beiname implizieren soll, kann ich nicht belegen.

Später änderte sich der Besatz der Bank, zunehmend kamen alte Männer ins Spiel, die den Platz der Frauen einnahmen. Ob diese freiwillig dort Platz nahmen, um der Frau zu Hause zu entgehen oder sie von den Frauen weggeschickt wurden, mag von Bank zu Bank unterschiedlich gewesen sein. 

Auffällig war, dass unter den Männern weniger gesprochen wurde und neben jedem ein Bierflasche zu stehen hatte. Die Aufenthaltsdauer wurde lediglich von der Kapazität der Blase begrenzt. Ich kann mich als junger Arzt erinnern, auf einer Lüchenbank bei einem breitbeinig sitzenden Mann mit einer sehr schmerzhaften Harnverhaltung mitten auf dem zentralen Platz eine Blasenpunktion gemacht zu haben. In hohem Bogen spritzte der Urin aus der Kanüle und mit einem satten Stöhnen gab er seiner Befreiung Ausdruck. Über lange Zeit bis zu seinem Tod war er einer meiner dankbarsten Patienten, allerdings wurde ich durch Umstehende auf dem Dorfplatz heftigst beschimpft.

In den 90er Jahren starben auch in unseren ostdeutschen Dörfern die Lüchenbänke aus. Die Menschen setzen andere Prioritäten, der soziale Brennpunkt geriet in Vergessenheit. Einen adäquaten Ersatz gab es nicht.

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