Betonwände aus High-tech-Gummi

In Zeiten, in denen die Historie unseres Landes und unserer Gesellschaft in der öffentlichen Wahrnehmung einen dramatischen Bedeutungsverlust zu erleiden scheint, finde ich es wichtig immer wieder auf historische Abläufe zu verweisen und den Finger auch in schmerzende Wunden zu legen, damit sich die Dinge nicht nur deshalb wiederholen, weil sie vergessen sind.

Ein historisches Thema, welches mich als Mensch und Arzt ganz besonders bewegt, steht im Zusammenhang mit den Begriffen „Euthanasie“ und am konkreten historischen Beispiel, der „Aktion T4“ der Nationalsozialisten im III. Reich. 

Für den nicht so historisch Interessierten an der Stelle nur der Hinweis, dass es sich um eine staatlich geplante Vernichtungsaktion von Menschen mit Handicap in den Jahren 1939 bis 1945 und partiell noch darüber hinaus handelte, der nach heutigem Wissensstand über 200 000 Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Einschränkungen zum Opfer fielen. 
Da diese Vernichtungsaktion quantitativ weit hinter anderen Verbrechen der Nationalsozialisten zurückblieb, kam es nach 1945 vielen Tätern und den beteiligten staatlichen und konfessionellen Einrichtungen gerade recht, dass dieses Thema jahrzehntelang de facto in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spielte.

Im Gegenteil, ich erinnere mich aus meiner Kindheit heraus noch an solche Bemerkungen gegenüber Behinderten wie: „Bei Adolfen hätten ‚Solche‘ überhaupt keine Kinder kriegen dürfen…“, „Unter Adolf wären die alle fortgebracht worden ….“. 
Und wenn ich dann in meiner kindlichen Unbedarftheit erschrocken nachfragte, ‚warum denn das so war‘, wurde ich nur abgebügelt: „Das verstehst du noch(!) nicht.“.

Nun sind die, die den Zeiten ‚unter Adolfen‘ lange nachtrauerten, fast alle gestorben oder haben zumindest keinen gesellschaftlichen Einfluss mehr. 
Aber scheinbar traut man mir – als Nach-dem-Krieg-Geborenen – auch heute noch nicht zu, ‚Das‘ zu verstehen.

Seit einiger Zeit versuche ich mich an einer Recherche zu der Frage:

Was genau hat Mediziner (Pflegepersonal, Ärzte) veranlasst freiwillig und zum großen Teil mit Fleiss an der Vernichtung – um im Sprachductus der Nazis zu bleiben – „lebensunwerten Lebens“ teilzunehmen. 

Die Frage ist für mich deshalb von besonderem Interesse, weil die Teilnahme an der Tötung in nicht einem Falle mit einem Befehlsnotstand begründet werden konnte.
Niemand wurde gezwungen an der Ermordung der gehandicapten Menschen teilzunehmen. Alle Einrichtungen und individuellen Täter waren letztendlich auf freiwilliger Basis aktiv.
Da liegt wohl auch der Hase im Pfeffer.

Bei meinen Recherchen laufe ich auch heute, nach Jahrzehnten, noch gegen „Wände aus Beton“, auch wenn sie manchmal geschickt als „Gummiwände“ getarnt sind

Als Ausnahmen seien genannt die Gedenkstätten Pirna-Sonnenstein in Sachsen(!) und Hartheim in Oberösterreich, hier ist man nach meiner Erfahrung offen und erkennbar bemüht dieses unsägliche und mit ‚zeitunabhängigen‘ menschlichen Maßstäben  unvorstellbare Kapitel deutscher Geschichte vorbehaltlos aufzuarbeiten.

Andere Einrichtungen sehen mit plakativen Aktionen, etwa die Aufstellung eines verbrämten Gedenksteins oder einer -tafel, die ‚Sache‘ als erledigt an.
Bei vielen Anläufen, sei es in „kleineren“ Tätereinrichtungen, seien es die Familien ‚führender Täter‘, werden meine Anschreiben nicht beantwortet, werde ich abgebürstet, werden Auskünfte auch offen verweigert, unter anderem mit der Begründung, dass man doch seinen wohldotierten Posten in einer früheren Tätereinrichtung noch eine Weile behalten wolle und deshalb keine Antwort geben darf/will, obwohl es in vielen Fällen auch heute noch möglich wäre. 

Ich habe schon mehrfach überlegt, die Recherche mangels ‚Erfolglosigkeit‘ abzubrechen, wahrscheinlich werde ich es aber nicht tun, Widerstand kann auch anspornen. Damit ihr den Fortgang verfolgen könnt, werde ich in Kürze eine Liste der Einrichtungen einstellen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten kooperieren, aber auch die potentiellen Quellen benennen, die weiter ‚mauern‘.

Mal sehen, wie ob und wie lange die Betonwände mit Gummiüberzug halten werden. 

Falls dieser oder jener unter Euch mit Informationen weiterhelfen kann, schon jetzt meinen Dank dafür.

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