Alles Haltung oder was … ?

Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit bei meiner historischen Reise durch Konzentrationslager und Euthanasie-Einrichtungen der Nationalsozialisten einige Stunden in Ravensbrück zu verbringen. Hintergrund ist neben dem persönlichen Interesse, eine Recherche zu einem Buchprojekt.

Hier einige kurze optische Eindrücke zu Ravensbrück:

Nähert man sich dem früheren Frauenkonzentrationslager hat man zuerst den Eindruck über einen großen Platz auf ein gepflegtes Gebäude zuzugehen. Es ist das frühere Verwaltungsgebäude, bietet das Bild einer gepflegten Schule aus den 30ern und niemand vermutet dahinter eine perfekte Mordmaschinerie.

Der hier erwähnte Dr. Dr. Robert Ritter schaffte es als einer der „theoretischen Köpfe“ der „Rassenhygiene“ und Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ nach 1945 statt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgeurteilt zu werden, als Obermedizinalrat immerhin nahtlos in die Gesundheitsverwaltung der Stadt Frankfurt/M. überzugehen. Er starb – nach einem unrechtmäßig niedergeschlagenen Ermittlungsverfahren – unbehelligt 1951 in Oberursel. Immerhin schuf er auch die Grundlagen dafür, dass „der Lagerzögling Elisabeth W.“, nur weil sie als „Zigeunerin“ klassifiziert wurde, ins Konzentrationslager eingeliefert wird. Wahrscheinlich bedeutete dies ihren Tod, Quellen dazu habe ich nicht gefunden.

Bis vier Tage vor seinem Tod zahlte ihm die Stadt Frankfurt in dankbarer Weise verläßlich sein Gehalt. Schließlich brauchte ein selbst Mann, der für den Tod zigtausender Menschen mitverantwortlich ist, ein gesichertes Auskommen. Viele seiner Opfer sind bis heute nicht rehabilitiert und werden es auch nie werden.

Eine Vielzahl nationalsozialistischer Verbrechen ist bis heute weder aufgearbeitet, noch zu Lebzeiten der Verbrecher gesühnt worden.

Unsere Gesellschaft hat viele Dinge inzwischen zwar dokumentiert, sich davon inhaltlich distanziert, aber nur in vergleichsweise wenigen Fällen. Denn hätte sie es getan, wäre das Verständnis des verbrecherischen Charakters des Nationalsozialismus heute weitaus fortgeschrittener und es würde nicht so leichtfertig, wahllos und sinnentleert mit Begriffen wie „Rechte“, „Faschisten“ oder „Nationalsozialisten“ in der Gegend herumgeworfen.

Um neuen Anfängen zu wehren reicht es nicht aus auf einige Gestalten in Chemnitz, die besoffen oder gar mit vollgepinkelter Hose den „Deutschen Gruß“ zelebrieren zu zeigen. Es reicht nicht aus, dämliche Hooligans im Fussballstadion groß im Fernsehbild zu zeigen, es reicht auch nicht aus reflexhaft auf die heutige AfD, die Identitären oder „Reichsbürger“ zu zeigen.

Diese ganzen Leute sind nur die oberflächlichen Symptome eines komplexen gesellschaftlichen Prozesses. Die wirklich Verantwortlichen tragen nach wie vor und auch heute wieder Nadelstreifen, sie verfügen über Geld und Einfluss und halten sich – „wie bei Adolfen“ – diskret und trotzdem erfolgreich im Hintergrund.

Auch hier der Rat, wer den Rechtsruck der Gesellschaft verstehen will, folge gewissenhaft der Spur des Geldes. Sich ausschließlich mit offensichtlichen Nebenkriegsschauplätzen zu beschäftigen, dient nur den Verantwortlichen.

10 Kommentare zu „Alles Haltung oder was … ?

  1. Schade, die Biografie kannte ich nicht. Ich war über 10 Jahre in Oberursel in einem bedeutenden Autohaus tätig. Da kennt man die Anwesen der Etablierten. Es hätte mich schon interessiert, wer da heute unter welchem Namen wohnt. So einige Prominentenherberge habe ich ja aus beruflichen Gründen von innen gesehen..

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      1. Ja, wäre interessant. Ich kannte die Ponto Villa oder auch aus in einer bescheidenen Hütte der Zeppelin Dynastie hatte ich ‚mal zu tun. Nur bei Quandt’s muss man wohl ein Visa beantragen. Und in äußerlich unscheinbaren Behausungen leben einige Personen „glorreichen Zeiten“..☀️

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  2. so ist es. Wie hältst du das Recherchieren seelisch aus? Ich wusste bereits alles, als ich noch eine Jugendliche war, obgleich die Erwachsenen um mich herum „nichts mitgekriegt hatten“. Woher ich es wusste? wer wissen will, weiß auch. Genauso heute wieder.

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    1. Wie ich das aushalte? Mein unmittelbares Thema ist: „Wie wurde der einzelne Mensch zum Täter?“ Speziell bezogen auf die Aktion T4, also die „Euthanasie“. Am Anfang hat mich jedes Detail sehr bewegt, jetzt nach ca. einem Jahr intensiver Tätigkeit stellt sich bereits ein „Gewöhnungseffekt“ ein. Ich weiss, das klingt schlimm, es ist aber einfach so. Ein vorweg genommenes „Ergebnis“ meiner Recherchen.

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  3. Das war mir schon immer klar, dass nur die alleroberste Spitze vom Eisberg verurteilt worden ist – alle anderen blieben unbehelligt.
    In der DDR war ja der Begriff „Entnazifizierung“ immer stimmungsvoll dahin geredet worden, aber es war sicher auch mehr Gerede als Getanes.

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    1. Der Charakter an der westlichen „Entnazifizierung“ war ja den „Schein zu wahren“. Da stellten der Peter dem Paul und der Paul dem Peter gegenseitig die Persilscheine aus und gut war es. Abgeurteilt wurden wenige öffentlich belastete Köpfe, im Sinne der Schwere ihrer Verbrechen bestraft noch weniger und in den letzten Jahren wurden ein paar kleine, 90jährige Chargen zur „Beruhigung der Volksseele“am Nasenring durch die Manege geführt.
      Im Osten hat man sich zumindest mehr Mühe gegeben und wirklich schwer Belastete hatten keine Chance. Allerdings, alle Beteiligten konnte man schon aus „logistischen Gründen“ nicht aus dem Verkehr ziehen, Männer waren nach dem Krieg sehr knapp und es musste gearbeitet werden, sonst wäre das ganze gesellschaftliche System, Ost wie West, nach Kriegsende völlig kollabiert. Also, ein sehr vielschichtiges Thema.

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  4. Hätte ich doch fast übersehen.
    Meine Gedanken zu diesem Kapitel habe ich unter:
    https://widerdasvergessen.wordpress.com/
    zusammengefasst.
    Und hier im Blog gibt es Fotobeiträge zu Buchenwald (1 – 5)
    Ravensbrück hatte ich in meiner jungen Schulzeit von Neustrelitz aus besucht: Mit der Ferkeltaxe bis Fürstenberg, den Rest zu Fuß. Es war, wenn ich mich recht erinnere, ein Niesletag. Und so ein Nieselwetter hatte ich auch in Buchenwald, als ich das erste Mal nach 1989 dort war. Das verstärkt natürlich den Eindruck des optischen Erlebens.

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