Julia hat es erkannt

Lernen und Erkenntnisgewinn sind schwierige, z.T. sehr langwierige Prozesse.
Nicht alles kann man gleich gut und schnell erfassen. Für mich persönlich ist es ein schier aussichtsloses Unterfangen mir irgendetwas mit Zahlen zu merken, Telefonnummern, Geburts- und Hochzeitsstage,  – nun ja, schier unmöglich.
Andere Dinge, vor allem die, die mich inhaltlich interessieren, kleben dagegen wie Hundescheisse an den Schuhen – total fest und kaum wieder loszuwerden. 
Schillers „Glocke“, Goethes „Erlkönig“ oder seine Prometheus-Hymne – schnell gelernt, einmal vor der Klasse aufgesagt, danach sofort wieder vergessen. 

Das erinnert mich an die wohlfeilen Wahlkampfreden der meisten Politiker, schnell auswendig gelernt, ein- oder mehrfach aufgesagt und nach der Wahl sofort wieder vergessen. Der Vergleich ist wahrscheinlich politisch nicht korrekt, also vergesst ihn bitte schnell wieder.

Besser kann ich mir Dinge merken, zu denen ich einen unmittelbaren Bezug habe, etwa in täglichen beruflichen, medizinischen oder psychologischen Zusammenhängen.

So ändern sich einerseits die Zeiten und andererseits persönliche Präferenzen, nur die Zeit, die rennt und ist verloren. In meiner Jugend konnte ich mit Kafka, Goethe, Schiller und anderen wenig oder nichts anfangen. Mir fehlte einfach die Lebenserfahrung.
Das wird Julia noch erkennen, mit der Ernährung hat sie schonmal angefangen.

Als junger Arzt hatte ich eine Phase, in der mir Fragen der Ernährung besonders wichtig waren. Die Dinge waren für mich neu, interessant, ein Anreiz mich in das Thema geradezu hinein zu knien, mich immer weiter um Details zu bemühen, mich auch zeitweise darin zu verlieren. Nun macht Wissen am meisten Sinn, wenn man etwas damit anfangen kann. 

Schnell hatte ich extrem übergewichtige Menschen als meine intellektuellen  Intimfeinde ausgemacht.
Ich schüttelte über sie – innerlich – den Kopf und ging davon aus, dass es meine heiligste Aufgabe wäre, sie über die Schändlichkeit ihres Tuns aufzuklären, ihnen die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Gewicht und Krankheiten aufzuzeigen. Sicher war ich mir, dass sie glücklich wären, wenn ich ihnen alles mit meinem „neuen Wissen“ vermitteln würde, sie würden meine Worte aufsaugen, wie die Biene den Nektar, wären mir dankbar und würden sofort alles nur Erdenkliche daran setzen, um genauso zu leben und vielleicht mir irgendwann den Honig in Form von Anerkennung zu liefern.
Mit missionarischem Eifer stürzte mich auf die Dinge, hielt viele Vorträge für Kollegen und Patienten, suchte das Gespräch mit den Dicken und fühlte mich gut, wenn ich ihnen alles ausführlich erklärt hatte.
Verärgert war ich schnell, wenn mir sie verläßlich immer wieder versicherten, dass es am Essen doch bei ihnen nicht liegen könne. Sie würden kaum etwas zu sich nehmen, selbst ein Glas Wasser würde bei ihnen wie Pech fest auf den Hüften kleben und wenn ich so wenig essen würde wie sie, wäre ich wahrscheinlich schon schier verhungert. 
Ich fing dann wieder von vorn an zu erklären, weil ich an die Macht des Faktischen glaubte. 
Es dauerte eine Weile bis mir der Seifensieder aufging, dass ich den Menschen mit meiner Aufklärungsmission absolut auf den Keks ging.
Mein Publikum hörte sich alles geduldig an, die Kollegen wegen der Notwendigkeit regelmäßig Weiterbildungen nachweisen zu können,  die Betroffenen, weil ihnen nichts weiter über blieb. 
Ich kann mich jetzt nach Jahrzehnten nicht daran erinnern, dass auch nur ein Einziger(!) als Folge meiner Mission nennenswert abgenommen hätte. Im Gegenteil, niemand hat mir jemals berichtet, dass sein Konfirmandenanzug, Größe 44, wieder passt. Die meisten bewegen sich wohl im Rahmen 56 und höher, leider auch die meisten Frauen.

Kürzlich las ich in der regionalen Morgenzeitung ein Interview mit unserer Bundesministerin für Ernährung für Landwirtschaft Julia Klöckner. 
Aufgewachsen in einer Winzerfamilie – also durchaus bodenständig – studierte sie trotzdem Politikwissenschaften, katholische Theologie und Pädagogik. Sie wurde Weinkönigin, ging in die Politik und wurde 2018 schließlich vom Deutschen Brauerbund ob ihrer Verdienste zur „Botschafterin des Bieres“ erhoben. Die im gleichen Jahr erfolgte Ernennung zur Ministerin im Kabinett Merkel verblaßt dagegen zur Marginalie.
Julia hat in ihrem neuen Bundesamt auch – für sie – neue Themen erkannt, jetzt, wie es schon im Titel steht, die Ernährung. Das missionarische Interview in der Tageszeitung dreht sich um die Sinnhaftigkeit gesunder, vernünftiger, nachhaltiger, oder wie auch sonstig genannter Ernährung. 
Ich erwähne es vor allem deshalb, weil ich die gleichen Themen, mit ähnlichen Worten schon vor rund 30 oder 40 Jahren erfolglos zu vermitteln versucht habe. Andere lange, lange vor mir, auch ohne Erfolg.
Für Frau Klöckner ist es neues Wissen, sie ist berauscht von der Mission, glaubt überzeugen zu müssen und vor allem zu können. Ich dagegen weiss schon, wie wenig Sinn es macht und spüre im Nacken das Kribbeln einer gewissen Schadenfreude. 

Es ist sicher: die Menschen werden trotzdem – wie seit Jahrtausenden – genau das essen und trinken, was sie wollen, sowohl qualitativ, als auch quantitativ. Es sei denn, sie haben „Allergie“, aber das ist ein Extrathema und würde den Rahmen des Blogs endgültig und irreversibel sprengen. Denn was früher der Glaube an die gesunde Ernährung war, ist heute die Hoffnung auf die Allergie. Die Allergie ist zum Statussymbol geworden.
Obwohl, solange Frau Klöckner ihre Zeit erfolglos am Thema der politisch korrekten Ernährung verdaddelt, wird sie sonst keinen politischen Schaden anrichten können.